Der Standard: Journalismus ohne Risiko
Über Stabilität, Zustimmung und den Preis der Harmlosigkeit
Die Zeitung Der Standard ist nicht Opfer politischer Einflussnahme geworden. Sie wurde auch nicht schleichend ausgehöhlt. Sie hat sich angepasst. Nicht an Regierungen, sondern an ihr eigenes Publikum.
Der Standard war lange ein publizistischer Störfaktor. Er lebte davon, Konflikte auszuhalten, Machtmechanismen offenzulegen und auch dort zu recherchieren, wo Zustimmung nicht zu erwarten war. Diese Funktion ist weitgehend verloren gegangen. Heute operiert das Blatt innerhalb eines klar umrissenen urban-akademischen Milieus, dessen Erwartungen bekannt, stabil und berechenbar sind.
Der zentrale Wandel ist struktureller Natur. Der Standard ist kein klassisches Zeitungsprodukt mehr, sondern ein digitales Resonanzsystem. Reichweite, Interaktion und Kommentaraktivität sind Teil des Geschäftsmodells. In einem solchen System wird Irritation zum Risiko. Texte, die Leser verlieren könnten, sind betriebswirtschaftlich unerwünscht.
Diese Logik verändert den Journalismus selbst. Recherche ist teuer, zeitintensiv und konfliktträchtig. Moralische Einordnung ist effizient, kalkulierbar und anschlussfähig. Wo früher Mechanismen sichtbar gemacht wurden, werden heute Narrative verwaltet. Texte beschreiben nicht mehr primär, was geschieht, sondern liefern vor allem die passende Deutung mit.
Das Resultat ist Vorhersehbarkeit. Positionen lassen sich antizipieren, Konfliktlinien sind bekannt, Überraschungen selten. Der Standard widerspricht bevorzugt dort, wo kein relevanter Gegenwind droht. Macht wird nicht systematisch analysiert, sondern selektiv adressiert.
Dabei geht es nicht um Parteilichkeit im klassischen Sinn. Das Blatt ist nicht regierungstreu, sondern milieutreu. Diese Form der Bindung ist wirksamer als politische Einflussnahme, weil sie internalisiert ist. Sie benötigt keine Intervention, keine Anrufe, keine Drohungen. Die Grenzen des Sagbaren werden vorab berücksichtigt.
Die viel zitierte Unabhängigkeit des Standard äußert sich heute vor allem in kalkulierter Harmlosigkeit. Das Blatt ist selten falsch, aber zunehmend irrelevant für jene Fragen, bei denen Journalismus tatsächlich gefährlich werden müsste. Wer niemanden mehr verärgert, erfüllt seine Funktion als Dienstleister, nicht als Kontrollinstanz.
Der Verlust an publizistischem Risiko ist kein Nebeneffekt, sondern die Voraussetzung für Stabilität in einem auf Zustimmung basierenden Modell. Eine Zeitung, die ihre Leser nicht verlieren will, darf ihnen nichts mehr zumuten. Genau darin liegt ihr strukturelles Problem.
Der Standard ist heute kein Sprachrohr der Macht. Er ist ihr komfortables Umfeld.
Und das ist für eine Zeitung der sicherste und unergiebigste Zustand.