Götterdämmerung am Golf
Der saudische Angriff auf einen emiratischen Frachter in Mukalla markiert das Ende der Golfallianz. Hinter Raketen, Häfen und Stellvertreterkriegen steht ein Machtkampf um Ordnung, Öl und die Vorherrschaft des Dollars.
Mukalla, 30. Dezember 2025
Es war kein Irrtum der Radarleitoffiziere.
Als saudische Raketen im Hafen von Mukalla einen Frachter zerstörten, der aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgelaufen war, endete eine Erzählung, die die westliche Diplomatie jahrelang vor sich hergetragen hatte. Die Vorstellung einer stabilen, moderaten Golfachse erwies sich in diesem Moment als das, was sie immer war: eine nützliche Fiktion für Waffengeschäfte und Sonntagsreden. Der Angriff galt keinem Feind von außen. Er galt dem engsten Partner.
Das Ende der Höflichkeit
Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate haben sich nicht missverstanden. Sie haben sich auch nicht „auseinanderentwickelt“, wie es Scheidungskinder umschreiben würden. Sie verfolgen seit Jahren unterschiedliche Modelle von Ordnung und Macht. Mukalla war lediglich der Moment, in dem die Masken fielen und die nackte Konkurrenz nicht mehr wegmoderiert werden konnte.
Riad setzt auf den zentralisierten Staat. Nicht aus demokratischem Idealismus – den man dort ohnehin nur vom Hörensagen kennt –, sondern aus purer Notwendigkeit. Mohammed bin Salman braucht die totale institutionelle Kontrolle, um seinen gigantischen innenpolitischen Umbau, die „Vision 2030“, vor dem Staatsbankrott zu retten. Ordnung ist für Saudi-Arabien keine Zierde, sondern die Überlebensbedingung der Dynastie.
Abu Dhabi verfolgt einen moderneren, vielleicht gefährlicheren Ansatz. Dort zählt nicht der Staat, sondern der Zugriff. Häfen, Küsten, Milizen, Logistikketten und digitale Zahlungsströme. Wer diese Knotenpunkte kontrolliert, braucht keine funktionierende Zentralregierung in Aden oder Khartum. Mohammed bin Zayed baut keine Nationen. Er baut ein Imperium der Verbindungen.
Solange sich diese Modelle ergänzten, funktionierte die „Brüderlichkeit“. Als sie begannen, einander zu blockieren, endete die Höflichkeit. Der Luftschlag von Mukalla war keine Eskalation. Er war eine Grenzmarkierung.
Die Abrechnung hinter der Abrechnung
Wer diesen Konflikt auf das Militärische reduziert, hat das eigentliche Schlachtfeld nicht betreten. Es liegt nicht in den Ruinen von Mukalla, sondern auf den Rechnungsbelegen der Ölterminals.
Seit einem halben Jahrhundert wird Öl in Dollar fakturiert. Nicht, weil das ökonomisch zwingend wäre, sondern weil es machtpolitisch durchgesetzt wurde. Saudi-Arabien war der treue Pfeiler dieses Petrodollar-Systems. Doch das Fundament bröckelt.
Abu Dhabi wickelt Energiegeschäfte bereits in Yuan und Rupien ab. Nicht als Symbolpolitik, sondern als operatives Geschäft. China zahlt Gas in Renminbi, Indien kauft Öl in Rupien. Der Dollar wird dadurch nicht sofort gestürzt, aber seine sakrosankte Selbstverständlichkeit wird unterlaufen. Während Riad noch zögert und den Riyal an die US-Währung koppelt, proben die Emirate die Meuterei. In Washington hat man das registriert. Das Schweigen des Weißen Hauses nach Mukalla war ohrenbetäubend. Keine Empörung, kein Dementi. Saudi-Arabien erhielt politische Entlastung, die Emirate erhielten „Nachfragen“.
Kein Personalstück
Die Namen der Kronprinzen erklären wenig. Mohammed bin Salman und Mohammed bin Zayed sind keine Akteure mit freiem Willen, sie handeln innerhalb von Strukturen, die älter und mächtiger sind als sie selbst. Ein dollarbasiertes Energiesystem lässt Spielräume zu, es toleriert sogar kleine Rebellionen. Aber es duldet keine eigenmächtige Neuausrichtung seiner zentralen Schaltstellen.
Jemen, Sudan, die Häfen am Roten Meer und die Währungsswaps sind keine Ursachen. Sie sind die Austragungsorte eines Systems, das um seinen Fortbestand kämpft.
Was bleibt
Es wird keinen formellen Bruch geben. Dazu steht für beide Seiten zu viel auf dem Spiel. Die OPEC+ wird weiter tagen, man wird sich für die Kameras die Hände schütteln und in wohlgesetzten Kommuniqués von „Einheit“ faseln. Aber die Koordination ist bereits mechanisch. Das Vertrauen ist es nicht mehr.
Die Frage ist nicht, ob der Petrodollar endet. Die Frage ist, wie lange ein System noch funktioniert, das nur noch durch Drohungen und Luftschläge zusammengehalten wird.
Mukalla war kein Ausrutscher. Es war der Punkt am Ende eines Satzes, den in Europa noch niemand laut lesen will.